Der neueste Schnapp vom Flohmarkt oder einer Onlineauktion sieht meistens nicht gerade taufrisch aus. Fleckig, speckig, keimig - das ist üblich. Oft klebt dann noch irgendein klebriger brauner Schmodder in den Ritzen der Tastatur und den Joysticks. Keine Sorge, das bekommen wir wieder hin. Schnell und effizient. Diese Anleitung wird eine völlig vergilbte VC-20-Möhre nicht wieder in einen Prinzen verwandeln, aber die normalen Katastrophen wieder in Geräte verwandeln, die man gerne anfasst.

W A R N U N G !
Leute, die hier zum Einsatz kommenden Chemikalien sind keine Kinderspielzeuge aus dem Chemiebaukasten. Sie sind stark oxidierend. H2O2 ist eine schwache Säure und in höheren Konzentrationen explosionsfähig! Bitte immer Gummihandschuhe und alte Kleidung tragen! Den Untergrund mit einem Tuch, einer Plane, o.ä. schützen. Am besten eine Schutzbrille tragen, wenn Ihr an Eurem Augenlicht hängt. Ein Unfall ist schnell geschehen, die Folgen sind aber bleibend. Alles ausserhalb von Kindern und Haustieren aufbewahren und einsetzen! Vor dem versehentlichen Verschütten sichern. Herstellerangaben und Verarbeitungshinweise folgen! Warnhinweise auf der Packung beachten! Chemikalien keinesfalls mischen!! Es kann unter Umständen Chlorgas entstehen - wir wollen doch nicht den ersten Weltkrieg im Werkraum nachstellen, oder?!?

Wasserstoffperoxid (H2O2) könnt ihr in einer (richtigen) Drogerie kaufen. Drogerieketten führen es i.d.R. nicht. Es wird in Konzentrationen bis zu 35% angeboten. Hier kam eine 30%ige Lösung zum Einsatz, die von vielen bereits als zu aggressiv angesehen wird - ich konnte aber keine schwächere Konzentration bei uns vor Ort erwerben. Alternativ kann man eine Wasserstoffperoxidcreme im Friseurgroßhandel kaufen, welche den Vorteil einer größeren Haftung und leichteren Verarbeitung hat. Beschleunigen kann man den Vorgang im Sommer dadurch, dass man die benetzten Gehäuseteile in die Sonne legt. Im Winter kann man sie unter eine Höhensonne legen - am besten eine vom alten, verbotenen(!!) Typ, die kurzwellige UV-Strahlung abgibt. ACHTUNG: diese Lampen können Hautkrebs verursachen!

Als erstes Beispiel nehmen wir einen echten Klassiker, der millionenfach produziert wurde und folglich noch zu tausenden in der Bucht auftaucht: den C64. Mein Exemplar hatte ich vor Jahren vom Ikea-Flohmarkt in Hanau. Nix besonderes, ein völlig normales Gerät im unverbasteltem Originalzustand. Nicht wirklich vergilbt, eher leicht gebräunt. Dafür aber ordentlich siffig:


(Speckiger C64 auf einem Geschirrtuch)


(Typenschild des C64)

So weit, so schlecht. Normaler Weise bin ich kein Freund davon, die Kiste in den Geschirrspüler zu stecken, aber Quarkbeutel meinte, dass er das immer so macht. Ich bin eher der Freund der guten alten Chemie und greife daher immer zum Kunststoffreiniger für Gartenmöbel. Trotzdem wollte ich es bei diesem Exemplar wissen: Verträgt er die Tortur in einem aktuellen Geschirrspüler? Vorweg: Quarki hat ganz schlechte Erfahrungen mit dem 30 Minuten Programm von Siemens gemacht. Sein Gehäuse zeigte verätzte Flecken und Streifen im Kunststoff. Er empfiehlt definitiv die 70 Grad-Wäsche, da würden diese Probleme nicht auftreten. Da wir beinahe identische Geräte besitzen, eiferte ich ihm nach.

Aber halt! Was nützt es, wenn das Gerät noch hartnäckige Flecken hat? Um eine Vorreinigung kommen wir nicht drumherum. Streifen, wie vom Gummiabrieb beim Stapeln der Geräte, kann man prima mit einem weichen Radiergummi weg bekommen.

Man kann versuchen, das Typenschild zu entfernen, muss aber abwägen, welche Gefahr größer ist: Verbiegen oder Verätzen. Ich habe es dran gelassen, bin ein Grobmotoriker.

Zuerst sollte man ein altes Geschirrtuch unterlegen. Das verhindert Kratzer am Rechner und am Untergrund und verhindert eventuelle Verätzungen durch Reinigungsmittel am letzteren. 

Es gibt Experten, die darauf schwören, die gesamte Kiste in den Geschirrspüler zu stopfen. Ja, inklusive Tastatur und Platine! Wir machen das natürlich nicht. Also greifen wir uns einen Schraubendreher und zerlegen den guten alten CeVi in seine Einzelteile. Unten befinden sich drei Schrauben, die wir lösen und sicher aufbewahren. Das Gerät lässt sich nun aufklappen. Bitte auf die Krallen hinten am Deckel achten, die brechen leicht ab. 

Die metallbedampfte Pappe, die als Abschirmung fungieren soll, ist mit einer Klammer auf den Schirm des Expansionsslots geklemmt, bitte abziehen und die Pappe nach vorne zumklappen.


(Eines der Schraubenlöcher)


(Anschluss der Tastatur)


(Anschluss der Power-LED)

Beide oben angeführten Stecker lassen sich leicht abziehen, so dass wir den Deckel mit der Tastatur zur Seite legen können. Wie nicht anders zu erwarten, ist alles ordentlich verstaubt und dreckig.


(verstaubtes Innenleben)

Die Hauptplatine ist mit sieben kurzen Schrauben befestigt, wir lösen alle und bewahren auch diese sicher auf. Platine und Papp-Abschirmung legen wir zur Seite.


(Eine der sieben Schrauben)

Wir entstauben die Platine mit einem großen, sauberen und trockenen Pinsel, absaugen bringt nichts. Die Metallteile und größeren Chips polieren wir mit einem Baumwolltuch (keine Kunstfasern, statische Elektrizität!). 


(Leidlich glänzend: Nach dem Polieren)


(Wieder schön sauber: Mainboard)

So, das Gehäuse stecken wir in den Geschirrspüler und kümmern uns zwischenzeitlich um die Tastatur. Je nach Vergilbungsgrad des oberen Aufdruckes, kann diese Aktion ein, zwei Tage dauern. Zum Einsatz kam bei mir dafür erst Domestos und als das Ergebnis nicht zufriedenstellend war, Wasserstoffperoxid. Bitte dazu die o.a. Warnhinweise beachten!


(Zustand der Tastatur vor der Reinigung)


(Grundreinigung mit Domestos und einem Borstenpinsel)

Wir lassen die Tastenkappen auf der Tastatur. Konstruktionsbedingt ist dieses Eingabegerät vor leichter Feuchtigkeit geschützt, trotzdem sollten wir es nicht übertreiben. Wir lassen das Domestos trocknen, bis nur noch die harmlosen Salzränder zu sehen sind und reiben die Kappen mit einem feuchten Tuch ab. Bei Bedarf den Vorgang mehrmals wiederholen.

Haben wir keine Geduld, greifen wir zu stärkeren Geschützen: H2O2! Unbedingt die o.a. Warnhinweise genau beachten! 
Das H2O2 tragen wir mit einem Borstenpinsel satt auf, so dass sich in den Tastenkappen Pfützen bilden. Bitte nicht mit dem Pinsel in der Wasserstoffperoxid-Flasche rumrühren, sondern etwas davon in eine Edelstahlschüssel geben.


(H2O2 in Edelstahlschüssel)


(Benetzte Tastaturkappen)

Die Tastatur zum Einwirken an einen sicheren Ort stellen. Nach der Trocknung am besten hochkant(!) unter fliessendem Wasser abspülen, bis alle Reste des H2O2 entfernt wurden. Eine Wärmezufuhr kann die Reaktion beschleunigen, muss sie aber nicht. Es kommt immer auf den Einzelfall an. Vorgang gegebenenfalls wiederholen, bis das Ergebnis zur Zufriedenheit ausfällt.

Wichtig ist, ich wiederhole mich, dass alle Reste des H2O2 rückstandslos beseitigt wurden! Zum Schluss behandeln wir die Tastenkappen mit Kunststoffpflege aus dem Kfz-Zubehörhandel (AmorAll, o.ä.). Am besten ein Mittel verwenden, welches keinen Silikon(?)-Film auf der Tastatur hinterlässt, also ein "mattes" Produkt. Die Kappen nach Verarbeitungshinweis besprühen, lange einwirken lassen und dann nachpolieren.  


(Wieder tacko: Die Tastenkappen)

Lohn der Mühen sind Tastenkappen, welche wieder wie neu aussehen. Dass die Farbe leicht gelblicher ist, als die der Sonderzeichen auf der Vorderseite, ist völlig normal und auch vom Werk aus so gewesen.

Zwischenzeitlich ist auch das Gehäuse wieder sauber aus dem Geschirrspüler gekommen. Das Ergebnis ist allerdings eher suboptimal. Die Farbe im Allgemeinen ist zwar wieder sehr schön und natürlich ist der Kunststoff auch wieder sauber geworden, aber offenbar stand mein Gerät mit der Rückseite längere Zeit in der Sonne. Jedenfalls sind dort immer noch streifenförmige Verfärbungen zu sehen. Meiner Meinung rühren diese von Resten des Trennmittels von der Spritzgussform, welche beim Produktionsprozess am Kunststoff verbleiben und mit der Zeit zu einer chemischen Reaktion, gerade unter Sonnenlicht, führen.

Diese Verfärbungen waren recht schwach ausgeprägt, weswegen ich "nur" zu Domestos griff. Ich habe eine Flasche von dem dickflüssigen genommen und den Reiniger mit einem großen Borstenpinsel gleichmässig satt aufgetragen. Nach dem Trocknen wieder gründlich abspülen und den Vorgang ggf. wiederholen. Bei der Rückseite habe ich die Prozedur zweimal durchgeführt, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden war.


(Satt aufgetragen: Domestos)


(Rückseite gesondert behandelt)

Auch das Gehäuse sprühen wir satt mit Kunstoffpflege ein und reiben diese nach einer längeren Einwirkzeit mit einem sauberem Tuch ab. 

Die metallbeschichtete Abdeckpappe bitte nicht feucht reinigen, sondern nur mit einem mit der Kunststoffpflege besprühtem Lappen abreiben.


(Wie neu: Abschirmpappe)

Der Zusammenbau geschiet in umgekehrter Reihenfolge: Pappe in das Unterteil legen, Hauptplatine ausrichten und mit den sieben kurzen Schrauben wieder befestigen. Tastatur mit acht langen Schrauben im Oberteil einsetzen und die Stecker für die Tastatur und die LED aufstecken. Zum Schluss das Gehäuse mit den drei langen Schrauben wieder zusammensetzen. Fertig!

Hier noch einmal die Vorher-Nachher-Bilder:


(Vorher: siffig!)


(Nachher: sauber!)


(Nachher: wie neu!)


(Porentief rein: F-Tasten und der Kunststoff)


(Typenschild vorher)


(Typenschild nachher)


(Tastenkappen-Oberseite vorher: gelb)


(Nachher: fast so weiss wie die Sonderzeichen vorne)

Falls Ihr nun glaubt, das liegt an der Beleuchtung, oder ich hätte an den Werten des Nachher-Bildes gefummelt, so seht Euch bitte den direkten vergleich mit einem ungereinigten Exemplar an. Die Tastenkappen werden durch die Kunststoffpflege wirklich dunkler!

 
(Links alter C64, rechts der überarbeitete)

Ich finde, dass die Bilder für sich sprechen. Viel Spass bei der Aufarbeitung Eurer Flohmarkfunde.
Übrigens: Teil zwei wird von der Reinigung eines Spielmodules handeln.

 

Kommentare  

# nasourso 2014-11-24 19:26
Tolle Anleitung- Hätte ich vorher lesen sollen :-| , bei einer anderen Methode sind mir leider 2 Tasten abgebrochen :-* , allerdings da sie schon brüchig waren.
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